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DER HELFER
AUS DEM NICHTS

Der Krieg vertrieb Mohammed Khamis 2012 aus seiner syrischen Heimat.
In Beirut gründete er eine NGO, um anderen Geflüchteten beizustehen. Doch wie findet man Sinn in einem entwurzelten Leben?

KHAMIS

Man kann 

– Mohammed Khamis

überall etwas leisten

Es sind die Nachrichten auf seinem Handy, die Mohammed Khamis zeigen, was aus ihm hätte werden können. Einige seiner alten Freunde aus Maarat an-Numan in der syrischen Provinz Idlib hat er noch immer darin gespeichert, regelmäßig schreiben sie einander. Da ist Raschwan, der im schwedischen Exil zum Fußballprofi wurde. Ismail, der Bilder aus Norddeutschland schickt: Shisharauch vor weitem Himmel. Abdul, der sich in der Heimat vor den Häschern des Regimes versteckt. Da ist Faris, der zur Armee von Baschar al-Assad eingezogen wurde und nun auf seine Landsleute schießt. Die Namen der Freunde wurden für diesen Text geändert, ihre bleibende Verbindung könnte einzelne von ihnen früher oder später gefährden.

„Man kann überall etwas leisten“, sagt Mohammed Khamis und klopft mit den Fingern seiner linken Hand auf den Glastisch im Center, das er vor zwei Jahren eingerichtet hat, um anderen Menschen zu helfen. Die NGO „Hemet Shabab“ ist in einem ehemaligen Bekleidungsgeschäft im Stadtteil Bourj Hammoud untergebracht. Die Wände sind mit Holzbrettern abgestützt, vom Erdgeschoss gehen ein paar Stufen hinunter in einen fensterlosen, mit kaltem Neonlicht beleuchteten Keller. Auf einem Regal stehen gerahmte Fotos der Teams: mit lachenden Kindern, bei der Übergabe von Lebensmittelboxen an Familien, mit Besen und Schaufeln, beim großen Aufräumen nach dem 4. August 2020.

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Mohammed Khamis ist der Kopf der Hilfsorganisation „Hemet Shabab“, er organisiert, schreibt, packt Tüten mit Hygieneartikeln für die Bedürftigen – und ist ein Held für die Kinder aus der Nachbarschaft

170 Freiwillige arbeiten heute bei „Hemet Shabab“. 80 Prozent von ihnen kommen aus Syrien, die übrigen sind vor allem Palästinenser, aber es stoßen auch immer mehr Libanesen dazu. „Wir wollten zeigen, dass junge Syrer etwas leisten können, auch wenn sie in diesem Land keine Arbeit finden“, sagt Mohammed Khamis. „Hemet“ bedeutet „Eifer“ oder „Ambition“, „Shabab“ ist die „Jugend“. Der 26-jährige Gründer – dürre Figur, akkurate Frisur, ständig in Bewegung – ist bis heute Fixpunkt der Organisation. Die anderen Freiwilligen nennen ihn „Mudir“, was auf Arabisch „Manager“ oder „Chef“ bedeutet. Auf die Idee, eine Art Agentur für Hilfsleistungen zu gründen – kostenlos, versteht sich –, kam Mohammed Khamis, als ihn immer häufiger andere syrische Geflüchtete nach Lebensmitteln, Medikamenten oder Ansprechpartnern bei den großen Hilfsorganisationen fragten. Er selbst hatte seit über fünf Jahren Fortbildungen bei anderen NGOs absolviert, seine Kontakte hatten sich herumgesprochen.

Am 10. September 2012 stieg Mohammed Khamis am Beiruter Busbahnhof aus einem klapprigen Gefährt. In der Nacht zuvor hatte ihm sein Vater Abd al-Sitar eröffnet, dass er ihn fortschicken werde. „Es war zwei Tage vor meinem Geburtstag, doch er ließ nicht mit sich reden, ich sollte sofort gehen“, erinnert sich Khamis. Seine Heimatstadt Maarat an-Numan im Nordwesten Syriens wurde da schon seit Wochen vom Assad-Regime bombardiert, berichtet Khamis. Er, der älteste Sohn, eines von sieben Geschwistern, stieg in ein Sammeltaxi. Zunächst für ein paar Monate, so dachte er noch, würde er bei der Familie seiner Schwester wohnen, die bereits einige Jahre zuvor in einen Beiruter Vorort gezogen war, und dann zurückkehren.

Die Zentrale von „Hemet Shabab“ liegt im Souterrain eines ehemaligen Bekleidungsgeschäfts.
Yusra Nawasra (Mitte) stammt aus Dara’a in Syrien und ist seit dem Sommer 2020 bei der Hilfsorganisation aktiv, die für viele Geflüchtete zu einem wichtigen Anlaufpunkt geworden ist

Das Gefühl, anderen zu helfen,

– Sozdar Ahmed

hilft mir

Vieles habe er verdrängt, sagt Mohammed Khamis, während er von seinen Jahren in Syrien und den Anfängen im Libanon berichtet. Aber er weiß noch, dass das Leben in Maarat an-Numan gut war, das Leben vor dem Bürgerkrieg: „Es gab Geld, wir hatten Arbeit und Sicherheit.“ Seinem Vater gehörten zwei Busse, im Garten standen Olivenbäume. Er war 17 Jahre alt, als sein neues Leben in Beirut begann. Er wohnte bei seiner Schwester, er schlief auf einer Couch. Nach ein paar Tagen suchte er sich einen Job in einer Möbelfabrik, monatelang schmirgelte und polierte er Küchenschränke. Mit den 2500 Dollar, die er dabei insgesamt verdiente, mietete er eine Drei-Zimmer-Wohnung, die er auch noch einrichten konnte. Im Mai 2013 kamen seine Eltern und die beiden jüngeren Geschwister nach Beirut; zuvor waren sie dem Tod nur knapp entronnen.

„Dass Mohammed anderen Menschen hilft, erlaubt mir, weiter erhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen“, sagt sein Vater Abd al-Sitar Khamis. Der sonst so gesprächige Mohammed schweigt, nickt bloß immer wieder. „Wir waren glücklich in Syrien“, sagt der Vater, „ich wollte nicht hierher.“ Dann zeigt er auf seinem Telefon ein Foto seines Busses: ein ausgebranntes Gerippe. Er weiß nicht, wer das Fahrzeug bombardiert und den Fahrer getötet hat. Der zweite Bus wurde später gestohlen. Abd al-Sitar Khamis, 62 Jahre alt, klingt eher ratlos als verbittert, wenn er klagt: „Ich habe diese Firma 40 Jahre lang aufgebaut – was soll ich nun machen?“ Nach der Ankunft im Libanon hatte er, ermutigt vom Tatendrang seines Sohnes, neu angefangen. Er eröffnete einen Ein-Dollar-Shop. Das Geschäft ging anfangs gut, bald kam ein zweiter dazu. Aber auch das ist nun schon lange her. Heute hat Abd al-Sitar Khamis noch einen kleinen Secondhandshop, leider ein Zuschussgeschäft. Mohammed arbeitet in Teilzeit bei der Hilfsorganisation Care, sein Einkommen von umgerechnet 320 Dollar bezahlt die Mieten beider Wohnungen, des NGO-Centers und des Ladens seines Vaters.

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erlaubt mir, weiter erhobenen Hauptes

– Abd al-Sitar Khamis

durchs Leben zu gehen

„Dass Mohammed anderen Menschen hilft 

Leicht war es auch schon vor der jüngsten Krise nicht. Ahmed, der 18-jährige Bruder, berichtet von täglichem Rassismus. Von anderen Jugendlichen, die seinen syrischen Akzent nachäfften, von Libanesen, die verächtlich fragten: „Was wollt ihr eigentlich hier?“ Das weiß die Familie manchmal selbst nicht. „Ach, könnten sie doch einfach wieder in die Heimat fahren“, sagt der Vater seufzend, um gleich das größte Hindernis zu nennen: „Dann müssten meine Söhne zum Militär.“ Wie für Millionen anderer syrischer Männer ist die Rückkehr vor allem deshalb unmöglich. Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat bis 2015 etwa 860.000 syrische Flüchtlinge im Libanon registriert, schätzt ihre reale Zahl aber mittlerweile knapp doppelt so hoch. Etwa 90 Prozent davon leben zurzeit in extremer Armut, 2019 waren es „nur“ 50 Prozent. Der libanesische Staat zahlte im Jahr 2020 immerhin noch 238.000 syrischen Flüchtlingsfamilien finanzielle Hilfen. Doch die Furcht vor der Abschiebung bleibt.

Einen Tag später steht im Keller von „Hemet Shabab“ ein Software-Kurs auf dem Lehrplan. Der Unterricht hilft den Freiwilligen, sich bei anderen NGOs zu bewerben, vielleicht auch dabei, einmal einen richtigen Job zu bekommen. Oder in einem anderen Land anzukommen. Davon träumt auch Sozdar Ahmed. Die Kurdin stammt aus dem Norden Syriens, schon vor dem Krieg zog ihre Familie nach Beirut, auf der Suche nach Arbeit. Drei ihrer Brüder sind nach Deutschland geflüchtet, sie leben nun in Bremen. Sozdar selbst lebt mit ihren Eltern und zwei behinderten Brüdern in einer kleinen Wohnung in Bourj Hammoud. „Alles bleibt an mir hängen“, klagt sie. Sie muss mit dem Wohnungsbesitzer reden, dem sie nun schon mehrere Mieten schulden. Sie versucht, Medikamente aufzutreiben für die kranken Eltern und Brüder. Sie ist die Einzige, die etwas Geld verdient durch ihre Arbeit bei der Caritas. „In Deutschland könnte den beiden geholfen werden, darüber reden wir ständig“, sagt Sozdar Ahmed. In Beirut sind die Ahmeds einstweilen auf ihr kleines Einkommen angewiesen, vor allem aber auf Lebensmittelhilfen des UN-Flüchtlingswerks, dazu kommen kleine Spenden der Brüder aus Bremen. „Das Gefühl, anderen zu helfen, hilft mir“, sagt die 26-Jährige über ihren Einsatz bei „Hemet Shabab“. So geht es allen hier: Der Dank anderer Menschen gibt ihrem Leben einen Sinn.

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Beim Wiedersehen im Hafenviertel ein Jahr nach der Aufräumaktion von „Hemet Shabab“ wird anhand von Handybildern verglichen, wie es hier direkt nach der Katastrophe aussah – und mit Anwohnern debattiert, wie es weitergeht. Hilfe für alle – im Hauptquartier der kleinen NGO finden auch regelmäßig Computerkurse statt

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Das Aufräumen nach dem 4. August hatte für alle einen unmittelbaren Nutzen, deshalb war es so erfüllend. Auf den Straßen von Bourj Hammoud schrillten die Alarmanlagen der Autos, Kinder schrien. „Ich dachte zuerst, ein Gastank wäre explodiert“, sagt Mohammed, „oder dass ein Kampfjet angegriffen hätte – es hat gedauert, bis ich verstand, was passiert ist.“  Seine Eltern fand Mohammed unverletzt, auch sein Bruder hatte nichts abbekommen.

In der Nacht informierten die Freiwilligen möglichst viele Menschen im Viertel darüber, wo ihre Angehörigen waren. Am nächsten Morgen schrieb Mohammed Khamis bei Facebook: „Wir gehen jetzt den Menschen beistehen, die es am schwersten haben. Wir treffen uns am Märtyrer-Platz.“ 20 Tage war die Truppe von „Hemet Shabab“, ausgerüstet mit Besen, Schaufeln und Mülltüten, in den Vierteln am Hafen unterwegs, dann gingen sie zurück nach Bourj Hammoud.

- Thore Schröder

DIE LIEBE LEBT
JETZT ANDERSWO

Mit seinem kleinen Krämerladen versorgt Vasken Dschebidelikian die Nachbarschaft mit Obst und Gemüse. Seine Frau blieb nach dem 4. August 2020 bei den Kindern in Sydney. Warum ist er noch in Beirut, was hält ihn?

VASKEN

wäre alles noch schlimmer

– Vasken Dschebidelikian

Wenn Gott nicht wäre,

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In den wenigen Stunden, die Vasken Dschebidelikian nicht in seinem Laden ist, versucht er beim Fernsehen zu entspannen

Bald nach der Explosion, als das Nötigste repariert oder ersetzt war, hat sich Vasken Dschebidelikian einen neuen Fernseher angeschafft. Ein Röhrenmodell, Marke Panasonic. Es steht nun oben auf dem Kühlschrank neben dem Eingang. Das Bild ist meist körnig, der Ton rauscht. Am Nachmittag, wenn wenig los ist, schaut er ägyptische Schwarz-Weiß-Filme aus den 1950er-Jahren.

Harmloser Klamauk und Romantik. Dann wirkt Vasken Dschebidelikian ganz entspannt. Es gibt nicht viele solcher Momente, seit Jahren schon nicht mehr, und seit dem 4. August 2020 sind sie noch seltener geworden.

Das kleine Geschäft ist ein wichtiger Anlaufpunkt im Stadtteil Geitawi;
abends blättert Dschebidelikian oft wehmütig in der Sammlung alter Familienfotos

Dschebidelikian ist Armenier. Sein Großvater Ohannes war ein reicher Tuchhändler im osmanischen Adana. Als Mitglied der armenischen Minderheit wurde seine Familie 1915 in die ostsyrische Wüste deportiert, Vasken Dschebidelikians Großmutter und zwei ihrer Kinder verhungerten. Der Rest der Familie rettete sich in den Libanon, damals französisches Mandatsgebiet. Die Eltern mieteten 1945 im Beiruter Viertel Geitawi eine Wohnung im ersten Stock eines gerade gebauten Hauses. Ihr Sohn lebt noch immer dort, direkt gegenüber liegt sein Laden. Sie sind typisch für die alten Beiruter Stadtviertel: kleine Geschäfte, die allerlei Waren des täglichen Bedarfs führen. Vier solcher Läden finden sich im Umkreis von 50 Meter, alle locken mit einer Spezialität. In „Vaskens Laden“ sind es täglich frisches Obst und Gemüse. Dschebidelikian trägt seine blau gerahmte Brille auf der Nasenspitze und meist ein Hemd, das an irgendeiner Stelle notdürftig geflickt ist. Seine Hose wird von Hosenträgern gehalten. Von früh bis spät sitzt er auf seinem Bürostuhl und nimmt telefonisch Bestellungen entgegen, die er in armenischer Schrift auf zerrissene Zigarettenstangenkartons kritzelt und dann seinem Gehilfen Abdo zuruft. „Abdo, bring 10.000 Lira Wechselgeld zu Madame Halabi.“ „Abdo, räum den Kühlschrank auf.“ „Abdo, wasch den Salat.“ So geht es den ganzen Tag.

Im Innern des Ladens, der vielleicht 70 Quadratmeter misst, herrscht geordnetes Chaos. Eimer voller Mehl, Zucker, Oliven. Große Kühlschränke mit Milchprodukten, Bier und Softdrinks. Hygieneartikel, Putzmittel, frisch gemahlener Kaffee, Konserven. Ein breites Sortiment, schmale Gänge, über allem wachen Heiligenbilder. Die Preislisten hat Dschebidelikian an eine Kühltruhe geklebt. Er muss sie ständig verändern, wegen der Inflation. Zwei der großen Rollläden sind seit der Explosion dauerhaft hochgezogen. 400 Dollar würde ihre Reparatur kosten, die hat er nicht. Vasken Dschebidelikian nimmt Mittel gegen Bluthochdruck und Diabetes, sein Rücken ist schon seit Jahren kaputt. Nach wenigen Minuten auf den Beinen muss er sich wieder setzen. „Mir geht es nicht gut“, sagt er. Vor Kurzem ist er von der Leiter gefallen. Zwei Sehnen in der Schulter hat er sich gerissen, nun muss er auch noch operiert werden. Trotzdem steht er jeden Morgen um halb fünf auf, steuert seinen weißen Subaru-Kombi zum Gemüsegroßmarkt im Stadtteil Sin el Fil, um dort, vor dem großen Ansturm, die frischeste Ware zu bekommen.

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„Ich bin 

– Vasken Dschebidelikian

 hier auch Psychologe

Vasken Dschebidelikian ging nur bis zur fünften Klasse in die Schule. Es war Bürgerkrieg, er musste seinem Vater im Geschäft helfen. Bald lieferte er Obst und Gemüse aus, mit Pistole. Die trug er im Hosenbund, „wie in Texas“, sagt er und lacht, „hier waren viele Gangster unterwegs, wir mussten uns schützen.“ Dschebidelikian erzählt von der syrischen Belagerung und dem Beschuss von 1978. „Das war wie Stalingrad. Wir haben im Bunker geschlafen, gespielt und gegessen.“ Eine Rakete traf den 1968er Plymouth Valiant der Familie. Jede Generation in Beirut hat ihre Explosionen. 1986 starben die Eltern innerhalb weniger Wochen, 1992 heiratete Vasken Dschebidelikian die zwei Jahre ältere Beizar. „Das waren gute Jahre, es gab Geld und Stabilität“, erinnert er sich.

Vasken Dschebidelikian und seine Frau haben zwei Kinder großgezogen. Emmanuel ist 24, Shake, die so heißt wie ihre verstorbene Großmutter, 28 Jahre alt. Beide leben schon seit Jahren in Sydney. Erst war der Sohn zum Studium dorthin gezogen, dann ging seine Schwester hinterher. Als im Frühjahr 2020 die Pandemie begann, war ihre Mutter gerade zu Besuch in Down Under – und ist geblieben. Alle drei sind entschlossen, dauerhaft zu emigrieren. Auch Dschebidelikian will nachkommen. „Ich hoffe, Gott wird auch mich nach Sydney führen“, sagt er, aber so leise, dass es klingt, als würde er selbst nicht daran glauben. 

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Vasken Dschebidelikian ist Alleinherrscher in seinem kleinen Gemischtwarenreich; sein ganzer Stolz sind die beiden Kinder, die seit Jahren schon in Australien leben

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war es doch auch gar nicht hier,

– Vasken Dschebidelikian

zumindest damals

Und so schlecht

Am 4. August 2020 wurde das gesamte fünfgeschossige Gebäude beschädigt, das Haus war einsturzgefährdet. Die Explosion hatte Türen und Fenster samt Rahmen herausgesprengt und die tragenden Wände beschädigt, quer durch die Mauern von Wohnzimmer und Küche zogen sich Risse. „Sogar die Sonne schien herein“, sagt Dschebidelikian. Dank einiger Spenden aus der Nachbarschaft und von Freunden ist seine Wohnung inzwischen wiederhergestellt. Vieles ist bei der Katastrophe abhandengekommen, doch immerhin hat er die gerahmten Fotos seiner Kinder wiedergefunden. Sie stehen auf dem Kleiderschrank neben seinem Bett: Tochter und Sohn bei ihren Abschlussfeiern in der Universität, sein ganzer Stolz. Dann kramt er in einer Schokoladendose, in der er alte Schwarz-Weiß-Fotos aufbewahrt hat: sein Großvater mit mächtigem Schnurrbart, Fez und Gamaschen. Sein Vater im Zweireiher mit Einstecktuch, als Bürger des Osmanischen Reiches. Seine Eltern bei ihrer Hochzeit, die Brautjungfern mit weißen Schleifen im Haar. Er selbst bei seiner Kommunion, noch mit vollem Haar.

Dschebidelikian bereut, nicht auch fortgegangen zu sein. Von den Jungen auf dem Gruppenfoto bei dieser Feier sei „sicher die Hälfte“ nicht mehr im Land. „Los Angeles, Lyon, Mailand“, zählt er auf, überall leben inzwischen Verwandte. Seine Schwester Maria, mittlerweile 68 Jahre alt, ist Anfang der 1990er-Jahre mit ihren drei Kindern nach Glendale in Kalifornien übersiedelt. Er aber konnte ja nicht weg: Erst waren da die kranken Eltern, der Vater saß im Rollstuhl, dann hat er geheiratet, dann kamen die Kinder. „Und so schlecht war es doch auch gar nicht hier, zumindest damals.“ Noch immer danke er Gott jeden Morgen für einen weiteren Tag. „Wenn Gott nicht wäre, wäre alles noch schlimmer“, sagt er, „dann wäre ich vielleicht von der Leiter auf meinen Kopf gestürzt und nicht bloß auf meine Schulter. Dann wäre ich jetzt vielleicht tot.“ So aber könne und müsse er weiterarbeiten, immer weiter, so lange es geht. „Heute sind die Gurken sehr frisch“, sagt er.

- Thore Schröder

DIE TRÄNEN, DIE WUT
UND DIE KRAFT

Yasmine und Fadlo Dagher, zwei Generationen aus einer Architektenfamilie, haben die „Beirut Heritage Initiative“ gegründet.
Ihre Mission: Sie wollen prächtige alte Häuser, die steinernen Zeugen der multikulturellen Stadtgeschichte, wieder aufbauen

DAGHER

Häuser haben eine Seele

– Yasmine Dagher

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Als Yasmine Dagher ein kleines Mädchen war und nachts nicht schlafen konnte, schlich sie durch den Palast ihrer Familie. Sie ging vorbei an der Bibliothek ihres Vaters, unter dem Kronleuchter in der Eingangshalle hindurch in die Küche. Manchmal kam sie auch an jenem Zimmer vorbei, in dem das Klavier ihrer verstorbenen Urgroßmutter stand. Sie lauschte der Musik, die aus dem Zimmer drang. Und war sich sicher, dass es der Geist ihrer Urgroßmutter war, der dort spielte. Heute weiß Yasmine natürlich, dass es ihr Vater war, der dort damals nachts Schallplatten hörte. Dennoch spürt sie noch immer die Anwesenheit ihrer Vorfahren. „Häuser haben eine Seele“, ist sie überzeugt.

Das Haus, in dem die Daghers schon in sechster Generation leben, ist weit mehr als nur ein Wohnsitz. Es ist ein Haus, das Bewohner, Betrachter und Besucher an die Geschichte ihrer Heimat erinnert. Es bindet die Menschen emotional an ein Land, dessen Gesellschaft sich so schwer damit tut, eine gemeinsame Identität zu finden. Der hellblaue Stadtpalast liegt im Beiruter Viertel Gemmayzeh. Drei große Bögen zieren das untere wie auch das obere Stockwerk. Kunstvoll geschwungene Ornamente schmücken die Fenster, ein kleiner Garten umgibt das Haus. Das Haus wird abgeschirmt von hohen Bäumen und einer Mauer, es ist eine ruhige Oase neben der Hauptstraße des Viertels, durch die sich Autokolonnen schieben. Es ist eines dieser Häuser, bei denen man sich jedes Mal, wenn man daran vorbeigeht, wieder fragt, welche Geheimnisse sich wohl hinter den Bogenfenstern verbergen.  

Dann fegte im vergangenen Sommer die gewaltige Druckwelle der Explosion im Hafen durch das Viertel. Sie riss die Holzornamente heraus, ließ Glasfenster zerbersten, verwüstete die Räume und erschütterte das Fundament des Hauses. Jetzt liegt sein Inneres offen, wie eine klaffende Wunde. Hunderte solcher Häuser wurden an jenem 4. August 2020 in Beirut zerstört. Viele dieser Wunden sind seither noch nicht wieder geschlossen worden.

Yasmine Dagher, 27, ist Architektin. So wie ihr Vater Fadlallah, 61 Jahre alt, der von allen nur Fadlo genannt wird. Fadlo ist einer der berühmtesten Architekten des Libanon. Mit seiner Firma Dagher & Hanna hat er in den vergangenen Jahrzehnten Dutzende Projekte realisiert. Die Explosion hat nicht nur sein Haus mit voller Wucht getroffen. Sie hat ihn tief erschüttert. „Ich wusste nicht, wie mir geschieht“, sagt er.

Am ersten Tag ging es nur darum zu funktionieren, sich um seine Mutter zu kümmern, die durch die Explosion verletzt worden war. Am zweiten Tag machten sich Fadlo und Yasmine ein Bild vom Zustand des Hauses. Dann schauten sie sich die übrige Nachbarschaft an. Das war der Moment, da ihm das ganze Ausmaß der Katastrophe bewusst wurde. „Ich habe mich hingesetzt und drei Tage lang nur geweint“, sagt Fadlo. Fadlo ist ein ernster, feinsinniger Mann. Wenn der Architekt über Plänen sitzt, gleiten seine Finger über das Papier, zeichnen fast zärtlich kleine Änderungen mit einem Rotstift ein. Erzählt er von jenem Tag, der für viele Menschen in Beirut der schlimmste ihres Lebens war, klingt seine Stimme tief und ein wenig heiser, sein Blick ist von Melancholie umwölkt. Er sitzt auf dem Sofa neben seiner Tochter, umgeben von antiken Möbelstücken, einem Teil seiner Geschichte, einem Teil libanesischer Geschichte. Dann fängt er sich wieder. So wie im Sommer 2020.

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doch ist es unersetzlich

für das, wofür es steht“

– Fadlo Dagher

„Das Haus selbst ist nicht wichtig,

An Tag vier dann, als er sich den Schock aus den Gliedern geschüttelt hatte, sagte sich Fadlo: Es reicht, so kann es nicht weitergehen, wir müssen etwas tun. Mit seiner Tochter und anderen Gleichgesinnten, viele davon aus dem gleichen Viertel, gründete er die „Beirut Heritage Initiative“. Ihr Ziel: die Häuser wiederaufzubauen, die Zeugnis geben vom reichen kulturellen Erbe des Libanon. Sie sammeln Spenden, bewerten den Zustand der Häuser, organisieren die Restaurierung. Die Gebäude, die es zu retten gilt, stammen aus der späten Periode des Osmanischen Reichs, der Zeit, als der Libanon französisches Mandatsgebiet war, und den Jahren der modernistischen Architektur nach der Unabhängigkeit 1943. Nach den Recherchen der „Beirut Heritage Initiative“ sind insgesamt etwa 1000 Gebäude durch die Explosion beschädigt worden, 670 davon sogenannte „Heritage Buildings“, knapp 200 von ihnen schwer. Bisher ist nur ein kleiner Teil wiederaufgebaut worden, weil die Libanesen damit auf sich allein gestellt sind. Der von Korruption zersetzte Staat hat nichts zur Aufbauhilfe beigetragen. Er hat die Bevölkerung allein gelassen, auch hier.

Die Daghers sind prädestiniert für diese Aufgabe. Sie kennen jeden Stein, jede Ecke des Viertels, und das seit Generationen. Ihre Vorfahren haben sich hier in Gemmayzeh angesiedelt, als noch Felder waren, wo sich jetzt Häuser an schmalen Straßen drängen. Der erste Teil des Hauses wurde bereits 1820 gebaut, ein Ahn hatte dort eine Kapelle errichtet. Damals war die Nachbarschaft voller Maulbeerbäume, aus denen Seide gewonnen wurde, um sie nach Frankreich zu exportieren. Ende des 19. Jahrhunderts baute Fadlos Urgroßvater das Gebäude in ein Wohnhaus um und errichtete das zweite Stockwerk. Zimmer für Zimmer wuchs das Haus – und mit ihm die Familiengeschichte.

Sie ist vor allem die Geschichte eines ewigen Kampfs um den Erhalt des Gebäudes. Ausgerechnet Fadlo Dagher, der Mann, der Architekt, dessen Leidenschaft es ist, Dinge zu erschaffen, hat vor allem Zerstörung kennengelernt:

1976

schlugen Gewehrkugeln der syrischen Armee in die Fassade des Hauses ein. Fadlo verputzte die Löcher.

1978

setzte eine Rakete das obere Stockwerk in Brand. Fadlo löschte das Feuer. 

1981

traf eine Mörsergranate sein Haus.Fadlo beseitigte den Schutt. 

1985

schlugen fünf Granaten innerhalb weniger Sekunden ein. Fadlo harrte
in Todesangst aus.

1989

geriet das Haus ins Kreuzfeuer rivalisierender Milizen. Und Fadlo tat das, was er immer tat:
Er versuchte, die Spuren des Kriegs zu tilgen. 

„Wir haben alles mitgenommen, und wir haben es jedes Mal wieder repariert“, sagt Fadlo. Aber die Explosion im vergangenen Sommer hat alles übertroffen, was er jemals zuvor erlebt hat. „Wenige Sekunden haben mehr Zerstörung angerichtet als 15 Jahre Bürgerkrieg.“ Warum er nie daran gedacht hat zu gehen, kann er nicht sagen. Möglichkeiten hätte es genug gegeben. Fadlos Eltern wollten schon 1978, während einer besonders blutigen Phase des Bürgerkriegs, die gesamte Familie außer Landes bringen. Seine vier Geschwister zogen nach Europa, sie sind nie zurückgekehrt. Drei Schwestern leben heute in Paris, sein Bruder in New York. Fadlo weigerte sich damals zu gehen. Sein Vater tobte. Seine Mutter gab schließlich nach und blieb mit ihm in Beirut. Er weiß nicht mehr genau, warum er unbedingt bleiben wollte. „Jugendliche Sturheit“, vermutet er. 

Doch wenn er über seine Arbeit spricht, über die alten Häuser in seinem Viertel, seine persönliche Geschichte, wird klar, dass mehr dahintersteckt: eine Verbundenheit zu seinem Land, die stärker wiegt als die Angst um das eigene Überleben, stärker auch als das eigene Wohlbefinden. „Architektur hilft einem, die eigene Geschichte zu verstehen“, sagt er, „die Häuser im Libanon sind aus dem Stein gebaut, auf dem sie stehen – beides bildet eine Einheit.“ Bei Fadlo ist es ähnlich. Er funktioniert nur hier im Libanon, wo sich seine Ecken und Kanten einpassen. Überall sonst auf der Welt wäre er wohl ein Fremdkörper. Es war ein längerer Prozess, der ihn mit dem Libanon verbunden hat. Schon sein Vater war Architekt, als Kind hat er mit Lego gespielt, hat Baustein auf Baustein gesetzt. Dann begann er sich mit der Geschichte seines Hauses zu beschäftigen, schließlich entschied er sich für ein Architekturstudium. „Nicht wegen meines Vaters“, sagt er, „es war eher mein bester Freund, der das auch studiert hat – und ich hatte schlicht keine andere Idee.“

Das Projekt, das alles änderte, ergab sich nach dem Studium. 1985 wurde Fadlo angefragt, ein Buch über die Geschichte des Libanon zu illustrieren. Und zwar über die ganze Geschichte. Man muss wissen: In der Schule werden gerade die Bürgerkriegsjahre immer ausgespart, weil niemand aufarbeiten will, was die Libanesen einander in dieser Zeit angetan haben – zu heikel. Für Fadlo war diese Auseinandersetzung mit der Geschichte seines Landes identitätsstiftend. „Das hat mir die Augen geöffnet und hat mir ein Gefühl der Zugehörigkeit gegeben. Damals habe ich erst verstanden, wie wichtig dieses Land mit seiner Vielfalt der Kulturen ist. Jedes Weltreich hat hier seine Spuren hinterlassen – auch in uns.“

Die Vielfalt im Libanon beschwören sogar jene, die den hässlicheren Teil ihrer Geschichte gern mit weißen Flecken kaschieren. Der nostalgische Blick auf die vergangene Blütezeit, in der das libanesische Bürgertum genau jene Häuser baute, für die Fadlo heute kämpft. Sie sind Zeichen der Entwicklung, des Wohlstands. „Der Beiruter Hafen war damals die Brücke zwischen der westlichen und der östlichen Welt“, sagt Fadlo, „Beirut war arabisch, aber mit westlichen Einflüssen.“ Auch das bezeugen die Gebäude. Für Fadlo sind sie das Vermächtnis einer Zeit, als das Land offen für Einflüsse aus anderen Welten war. Als Christen und Muslime gemeinsam Handel mit dem Westen betrieben, Frauen zum ersten Mal die Häuser verließen und sichtbarer Teil des öffentlichen Lebens wurden, als das Bürgertum hochgebildet war und ganz selbstverständlich mehrere Sprachen beherrschte. 

an die nächste Generation weiterzugeben

 „Es ist meine Verantwortung,

das kulturelle Erbe

– Fadlo Dagher

Der Bürgerkrieg hat vieles von dieser Gesellschaft zerstört, doch trifft man immer wieder auf Beispiele dieses Brückenschlags zwischen den Kulturen. Wenn Frauen mit den Hüften orientalischer Bauchtänzerinnen kokettieren und sich dennoch ihre markanten Nasen in kleine Stupsnäschen umoperieren lassen. Wenn sie sich auf der Straße mit einer englisch-arabisch-französischen Melange begrüßen: „Hi, kifik, ça va?“ Sie wollen sich nicht entscheiden, und sie mussten es bisher auch nicht. Sie konnten in zwei Welten leben, so wie aus den Moscheen der Gebetsruf erklingt, wenig später gefolgt von den Glocken der benachbarten Kirchtürme.

Daneben gibt es Widersprüche, die solche Bilder der Gemeinsamkeit brechen, fallen Gegensätze ins Auge, die kaum überwindbar scheinen. Ferraris rollen über Schlaglöcher, gigantische Luxusapartments thronen über elenden Flüchtlingslagern. Viele Libanesen gehen nur ungern in Viertel oder Gegenden, wo Feinde aus Bürgerkriegszeiten leben. Die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen den Religionen, zwischen Gebildeten und Ungebildeten ist ebenso groß wie die Gräben, die der Bürgerkrieg in die Gesellschaft gerissen hat.

Das Haus von Fadlos Familie liegt nur etwa 100 Meter von der einstigen Front entfernt, noch immer eine unsichtbare Trennlinie zwischen dem Osten und dem Westen Beiruts. Während des Kriegs hatten sich viele seiner Freunde einer Miliz angeschlossen. Einige wurden getötet, da waren sie noch nicht einmal volljährig. Fadlo wollte nie zu einer Seite gehören. Nur einmal zwangen ihn Kämpfer, ihrer Einheit beizutreten. Seine Aufgabe war es, über Monate jede zweite Nacht in einem Bunker auszuharren, als Teil der Artillerie. Er sagt, dass er das Glück hatte, nie auf andere schießen zu müssen. „Nur einmal hieß es, dass ich mich auf einen Einsatz vorbereiten sollte, einen Hinterhalt. Ich fragte meinen Kameraden, worauf wir schießen sollten, und er sagte: ,Auf die Straße beim Parlament.‘ Ich entgegnete: ,Wir können nicht darauf schießen, das ist die schönste Straße Beiruts!‘ Er sagte: ,Na und, der Feind kommt!‘“ In Fadlos Magen zog sich alles zusammen. Aber er hatte Glück. Niemand kam in dieser Nacht.

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Nach dem Bürgerkrieg hat Beirut schon einmal ein Stück seiner Seele verloren. Fadlo denkt noch oft an die Zeit davor, an seine Kindheit: „Ich bin damals mit meiner Mutter durch den Basar im Stadtzentrum gelaufen, ein chaotischer, wundervoller Ort. Schmutzig war es, aber ich erinnere mich noch immer an die Gerüche, an die Seele des Ortes. Alle sozialen Komponenten der Stadt kamen dort zusammen, Gemeinschaften. Das ist es, was der Krieg schon im ersten Jahr zerstört hat. Und dann folgte die systematische Demontage des sozialen Gefüges.“ Zuerst die Orte, dann die Gedanken daran. Und schließlich, perfide, schleichend, die Identität.
 

Ein Unternehmen namens Solidere, das zum Imperium des früheren Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri gehörte, baute den Stadtkern wieder auf – und zerstörte dabei nahezu jede Lebendigkeit. Entstanden sind Prachtbauten, die an die alte Blütezeit erinnern sollen, in denen aber niemand wohnt. Teure Cafés, in denen niemand speist, und Geschäfte internationaler Modemarken wie Chanel und Hermès, die sich kaum jemand leisten kann. Seit Jahren schon gleicht Downtown einer Geisterstadt, in der nichts mehr duftet, kein Marktschreier seine Produkte feilbietet und keine Beirutis aller Couleur mehr flanieren. Kaum etwas verkörpert diese konsumorientierte Seelenlosigkeit so sehr wie der Uhrenturm auf der Place de L’Étoile, dem zentralen Platz der Innenstadt: Auf dem großen Zifferblatt prangt das Logo der Marke Rolex. All das geschah, bevor der Libanon in eine umfassende Wirtschaftskrise stürzte und das Militär die Straßen abriegelte, als 2019 Massenproteste gegen die korrupten politischen Führer ausbrachen und es dort immer wieder zu Krawallen kam. 

Fadlo Dagher will einen erneuten „Wiederaufbau“ nach diesem Muster um jeden Preis verhindern. Auch an Gesetzen hat er mitgeschrieben, die Käufer und Bauherren strengere Vorschriften auferlegen sollten. Bis heute konnte kein einziges davon in Kraft treten. „Ich habe jeden einzelnen Kampf verloren“, sagt er seufzend. Und trotzdem kann er nicht aufgeben. „Es ist meine Verantwortung, das kulturelle Erbe an die nächste Generation weiterzugeben. Und sie muss dann entscheiden, wie sie damit umgeht.“ Für Fadlo markierte der Bürgerkrieg das Ende der Unschuld seiner Generation. Das Wissen, dass er nicht auf Menschen und nicht auf Gebäude schießen konnte.
 

Für seine Tochter Yasmine war es die Explosion vom 4. August 2020, die einen Prozess verschärfte, der sich zuvor quälend langsam, aber unaufhaltsam angebahnt hatte. Noch immer herrschen die Warlords des Bürgerkriegs, seit Jahrzehnten teilen sie die Pfründen unter sich auf. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Elend der Bevölkerung ist grenzenlos, die Machthaber kokettieren nicht bloß mit dem Titel failed state, sie schreiben ihn fest. Fadlo sieht auch, wie sich Yasmine binnen eines Jahres von einem schüchternen Mädchen zu einer energischen jungen Frau entwickelt hat. Es umweht sie auch eine Traurigkeit, die kaum zu ihrem jugendlichen Gesicht passen will. Wenn sie durch die Straßen von Beirut geht, klingt sie wie ihr Vater. „Die Proteste vom Oktober 2019 und die Solidarität nach dem 4. August geben mir Hoffnung, dass wir die Probleme und die gesellschaftliche Teilung unserer Elterngeneration überwinden können“, sagt Yasmine. 2019 gingen die Menschen gemeinsam auf die Straße, unabhängig von Herkunft oder Religion. Auch nach der Explosion wogte eine Welle der Solidarität durch den Libanon.

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sich wieder der Geschichte erinnert

 „Die Menschen haben die Häuser

– Yasmine Dagher

neu wahrgenommen,

Yasmine Dagher berichtet von einem erstaunlichen Nebeneffekt der Katastrophe: Häuser wie das ihrer Familie, die jahrelang hinter großen Mauern verborgen waren, wurden als Teil des nationalen Kulturguts entdeckt. „Die Menschen haben die Häuser neu wahrgenommen, sich wieder der Geschichte erinnert“, sagt sie. Aber die spontane Solidarität reicht nicht aus, es fehlt an den Mitteln, sie zu retten. „Wir sind keine NGO, wir sind eine Initiative“, erklärt Yasmine, „unsere Mitarbeiter erhalten eine Kompensation, kein Gehalt.“ Die junge Generation könne viel lernen bei diesem Projekt, glaubt sie, vor allem, Verantwortung zu übernehmen: „Das Engagement der Zivilgesellschaft ist das einzig Positive, was aus der Explosion entstanden ist.“ 
 

Aber die aufkeimende Hoffnung wird wieder schwächer. Die Wirtschaftskrise hat die Menschen ans Ende ihrer Kräfte gebracht. Der Wert der Währung ist implodiert, die Preise explodieren, Strom, Medikamente und Benzin sind Mangelware. Die Politik, wenn man das Konglomerat von Warlords als solche bezeichnen kann, versperrt sich allen Reformen. Ohnmächtige Wut und der alltägliche Überlebensdruck legen sich wie eine unsichtbare Schlinge um den Hals der Menschen. Die stille Selbstbehauptung, von den Libanesen jahrzehntelang geübt, das stoische Weitermachen, auf dass nicht nur Verzweiflung bleibe, diese Überlebensstrategie bröckelt, die Verzweiflung nagt an der Widerstandskraft.

Wer Freunde und Bekannte im Libanon nach ihren Plänen fragt, hört viel vom Auswandern, immer mehr Menschen verlassen tatsächlich das Land. Yasmine erzählt, dass aus ihrem Freundeskreis nur noch drei von ursprünglich 15 im Land sind. „Die Häuser sind Teil unserer Identität“, sagt Yasmine, „deshalb müssen wir sie erhalten.“ Auch ihr Vater sieht genau darin die Chance, Bindungen wiederherzustellen, die mit der Not und der Hoffnungslosigkeit schwinden. „In manchen der Häuser, die wir reparieren, lebt seit Generationen dieselbe Familie. Damit verbinden sich die Menschen mit dem Ort. Wir sind  hier in einer Straße, die die Geschichte Beiruts der letzten 150 Jahre erzählen kann“, sagt er. „Ein verlassenes Haus ist ein trauriges Haus. Es ist ein kurioses Phänomen, das wir sehen. Die Gebäude, die am stärksten durch die Explosion beschädigt wurden, waren leerstehende Häuser. Ein Haus  ist lebendig, es atmet, und wenn es niemanden hat, wenn niemand darin lebt, dann stirbt es langsam – wie ein Mensch.“
 

Es sollen nicht noch mehr Häuser sterben. „Das Haus selbst ist nicht wichtig, doch ist es unersetzlich für das, wofür es steht“, erklärt Fadlo, „es wird zum Gerüst für ein Wertesystem, eine soziale Struktur, eine Lebenseinstellung und eine nationale Identität.“ Häuser würden es den Menschen erlauben, weiter zurückzugehen, Fragen zu stellen, wissen zu wollen, wer zuvor dort gelebt hat. „Es verbindet die Menschen mit dem Ort, und man gewinnt automatisch Respekt – für seine Vorfahren, den Ort, seine Nachbarn.“ Also kämpft Fadlo weiter. Für die Seele der Häuser, die Seele der Stadt. Fadlo zitiert den berühmten Architekten Kevin Roche: „Etwas gut zu bauen ist ein Akt des Friedens.“ Man darf sich schon fragen, wer hier wen mehr wieder aufbaut. Er die Häuser, die Häuser ihn?

- Theresa Breuer

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